The Burning but Invisible Man – eine kulturtheoretische Annäherung an das künstlerische Werk Gorka de Duos


Gorka de Duo ist seinem künstlerischen Werde- und Schaffensgang auf vielfache Art und Weise gefolgt.
Internationale Aufmerksamkeit erreichte sein Werk im Kontext des lebhaften spanischen Nach-Frankistischen Avantgardismus, auch als 'Móvida madrileña' bekannt, und der Modefotografie. Daneben entstand zudem ein Werkspektrum, das sich über experimentelle Pressereportagen,  installative Arbeiten, Raum-Interventionen bis hin zur Videokunst erstreckt.
Als Art Director des Magazins 'Ajoblanco' war er Wegbereiter des Sonar-Festivals, und hat somit in Spanien die Kultur für elektronische Lebensweisen entscheidend mit beeinflusst.
Dennoch entziehen sich der Künstler selbst sowie große Teile seines Werks bislang der Allgemeinheit wie auch der Fachpresse.




Die Anfänge - die 1970er in Valencia
Seine ersten Fotoarbeiten realisiert der Künstler 1972 in Valencia: Er kreiert eine provozierend wegweisende Bildstrecke des Modedesigners Francis Montesinos, dessen spätere Kollektionen unter anderem von Helmut Newton abgelichtet wurden.
Aus der heutigen und hiesigen Perspektive gilt es anzumerken, dass Valencia in den 1970ern seit dem spanischen Bürgerkrieg 1936-1939 traditionell den Ruf einer letzten linksrepublikanische Bastion inne hatte. Hinzu kommt die Nähe der Hafenstadt zur Insel Ibiza, die sich seit den späten 1960ern zum Zwischenhalt zahlreicher Intellektueller, Künstler und Bohemiens aus der US-Amerikanischen Westküste etabliert hatte, auf ihrer Suche nach weltanschaulicher Erleuchtung in Asien.
So waren innerhalb des sehr zugeknöpften spanischen Klimas die Fotografien de Duos in den Schaufenstern der jungen Couturiers zwar hier überhaupt realisierbar. An sich jedoch viel zu provokant für diese Zeit: Die bigotte katholische Kulturhoheit und die Untertanenzucht der Diktatur hätte unter anderen Umständen und an anderen Orten kein Verständnis für soviel lasziv-erotische, theatralische  Inszenierung im semi-öffentlichen Raum ohne Weiteres zugelassen.
Über den Umweg des Modekontextes erreichten diese Arbeiten gleich ein größeres Publikum. Beeinflusst auch von derzeit brisanten ideologischen Strömungen, die sich um Pazifismus, Genderthemen und Ökologie drehten, wurden diese Arbeiten zum Bindeglied zu radikalen Kulturakteuren, die in den 1980ern gemeinsam die Befreiung aus jahrzehntelangen Terror und  Unterdrückung zelebrieren würden.







Nachträglich als Kulturrevolution gefeiert: Die 'Móvida madrileña'
Wichtige Axiome um die kulturelle Mentalität der 1970er und 1980er in Spanien zu verstehen sind, von oben betrachtet, die Kulturgeschichte der Eroberungen, die Rolle der Kirche und deren Verbund mit der Rechtsprechung, die Unterdrückung durch die Diktatur und die jahrhundertelange Monarchiehörigkeit des spanischen Volkes.
Der enorme kulturelle Wandel, der sich seit den 1970ern manifestierte, ging jedoch aus den Jugendbewegungen hervor. Nur hier fand eine Werteverschiebung statt, die mit den ethischen Wertigkeiten unter Franco radikal brechen wollte: Sie entsteht auf der Strasse, in den Vierteln, in denen der öffentliche Raum wieder von deren Einwohnern eingenommen wird.
Eine Bewegung, die sich sowohl an die Gründung von Rockbands nach dem Vorbild globaler Jugendbewegungen orientiert, oder aber auch in traditioneller polit-kritischer Strassenkunst. Rockmusik, die seit den 1950ern in den USA und Grossbritannien zum Standard jugendlicher Gegenkultur wurde, fand nun auch ihren Weg in das durch Unterdrückung gezeichnete Spanien. Wie auch in sowjetisch geprägten Diktatursystemen lebte der Rock'n Roll stets bedroht durch eine erbarmungslose Zensur.
Und mit dem Tod des Diktators entzündete sich die Explosion des gelebten dreckig und gleichzeitig glamourösen Rock'n'Rolls Gefühls.
Viele singuläre Auswüchse werden unter der 'Móvida madrileña' zusammengefasst: Damit ist das gesamte Phänomen einer kulturellen Gegenbewegung gemeint, die aus dem Untergrund aufgetaucht ist, die für individuelle Unabhängigkeit und für eine spielerische lustbetonte bis dekadente Existenz steht.
Die nachhaltige Präsenz vieler Bands als Repräsentanz für den Sieg des Hedonismus über die alten zerstörerischen Strukturen des alten Spanien, wird von Gorka de Duo in ganz starken Ausmass durch seine originäre Handschrift der Motive und Designs für deren Cover entscheidend mit beeinflusst.
De Duos Reisen durch London und Marokko Mitte der 1970er stehen am Beginn einer sehr experimentellen Interaktion mit Künstlern aus anderen Bereichen, wie der katalanischen Theatergruppe 'Els Joglars', eine der ältesten europäischen politischen Wanderbühnen. Auch die innigen Freundschaftsbande mit wichtigen Protagonisten dieser Zeit: Der Filmemacher Antonio Maenza, die Dichter Leopoldo María Panero und José Miguel Arnal sowie des Designers Xavier Mariscal fördern und erweitern zunächst die Bandbreite seines künstlerischen Schaffens dieser Periode.



Bezeichnenderweise überlebten viele dieser Künstler zwar den düsteren Totalitarismus, entkamen dann jedoch nicht mehr den Sog der explosionsartigen Euphorie, an deren Konsequenzen sie teils nach und nach zerbrochen sind. Sei es, weil der Drogenrausch seinen Tribut verlangte, sei es, weil trotz einer gefühlten Revolution und Demokratie die Autokraten, Bürokraten und die Mentalität in gleicher Form weitergeführt wurden.
Auch diese Erfahrung ist eines der tragenden Themen seines Schaffens: Das Einfrieren kostbarer Erkenntnismomente zu sammeln und komplementär dazu sie fotografisch umzusetzen. Das Medium ist als Dokumentation höchst trügerisch und somit dankbar für eigene Narration und der Erschaffung einer eigenen Geschichtschronik. Oder in de Duos Sinne, als deutliche Offenbarwerdung von parallel verlaufenden Wirklichkeitsdeutungen von Historie.
Neben seinem künstlerischen Werk lief de Duos freiberufliche journalistische Tätigkeit für diverse  Magazine (Sábado Gráfico, La Luna, Diagonal, Vogue) sowie Zeitungen (El Caso, El País) weiter.
In diesem Zusammenhang begleitete er exklusiv den Besuch 1983 Andy Warhols in Madrid für El Pais.

Die gefallenen Engel und der Bruch mit Madrid

Gorka de Duos Werk ist zwar eng an die in Madrid stattfindende revolutionäre Umbruchstimmung des Nachfrankistischen Spaniens verortet: Alleine schon durch die von ihn gestalteten Plattencover für die musikalischen Pop-Idole dieser Zeit.
Einige viel besprochene Ausstellungsbeteiligungen de Duos von 1984 bis 1987 in Madrid waren die  im Circulo de Bellas Artes in Madrid stattfindende Gruppenausstellung „Aktuelle Fotografie in Spanien.“ Wie auch ein Jahr später, im Rahmen des Madrider Fotofrühlings, neben Luis Gordillo, Robert Mappelthorpe und Zush in der Galerie Fernando Vijande.

Ebenfalls in Madrid, werden 1987 seine Bilder bei der Ausstellung „Andy Warhol in Spanien“ gezeigt.
Die Werke dieser Periode wurde schließlich 1995 in Paris bei der Ausstellung mit dem Titel: „Madrid: Die achtziger Jahre, Bilder der Móvida“ gezeigt, die anschließend durch diverse europäische Städte tourte: Von Lissabon über Nizza, Bordeaux, Toulouse bis nach München und Bremen. Sowohl im historischen als auch im künstlerischen Sinne markieren die ausgestellten Werke das Ende einer Epoche – der des so genannten „Übergangs zur Demokratie“ in Spanien, welcher untrennbar mit der Herausbildung eines spanischen Postmodernismus verbunden ist.
In eben dieser Epoche die stilbildenden Ikonographie mit elaboriert zu haben, hatte aber auch eine Kehrseite der Medaille: Die Einschränkung der eigenen künstlerischen Weiterentwicklung einerseits sowie der Einblick in menschlichen Abgründe andererseits. Die so tief in der spanischen Historiographie verankerten Auswüchse diktatorischer Greueltaten und der stets darauf bezogenen kollektiven Verarbeitung.
Dies führte zum Wunsch aus diesem Ort auszubrechen, der weltweit fast einzigen Stadt, die einem gefallenen Engel ein Denkmal widmete – de Duo wollte diesem ewigen Schatten Francos entkommen, sich die eigenen, neue künstlerische Ausdrucksformen erschliessen dürfen.
Neue Schaffensräume und Wirkungskreise
1991 zieht Gorka de Duo nach Barcelona und arbeitet mit der Theatergruppe „La Fura del Baus“ und mit der Zeitschrift „Ajoblanco“ zusammen, dessen Art Director er später wird.
In dieser Periode entstehen Arbeiten, bei denen der Künstler das Universum der Multimedia-Installationen erforscht. Dabei stechen zwei Arbeiten besonders hervor: die in der Ikon Gallery in Birmingham durchgeführte Installation (Memory, 1992-93) sowie eine Intervention in der baufälligen Fabrik der „Papelera Levantina“ in Valencia (Impermanencia, 1994).
Hierbei wird ein für künstlerische Belange bis dato unbeschriebener Ort, eine baufällige ehemalige Papierfabrik, von de Duo regelrecht erschlossen und zu einem mehrschichtig zu durchwandernden Kabinett umgestaltet. Inspiriert von Gabriel Garcia Marquez 'Hundert Jahre Einsamkeit' in denen die Bewusstseinsebenen, Vergangenheit und Zukunft, changieren, schafft Gorka de Duo eine alle Sinne stimulierende Rauminstallation. Die Fotografie, ihres zweidimensionalen Charakters beraubt, wird hier zu einem experimentellen Raumerlebnis, zu einer Wanderung. Mit Hilfe fotografischer Bestandteile wird ein symbolisches Bedeutungsnetz gespannt, in dem die Prägnanz von Romantik, die nackte Irrealität, der Traum und das Unerwartete sich vereinen.
Im Jahre darauf realisierte Gorka de Duo, im Rahmen einer im Wolf Vostell Museum im Malpartida (Cáceres) organisierten Vorführung, die Performance „Ein Feuerweg und ein Riss auf dem Wasser“ in Zusammenarbeit mit der Künstlerin Ana G.



Wolf Vostell selbst, tief bewegt von der politischen und künstlerischen Vehemenz und Intensität dieser Performance, bemühte sich den weiteren Lebenslauf diesen Künstlers zu fördern. Im gleichen Jahr wird er vom Valencianischen Institut für Moderne Kunst (IVAM) für die Teilnahme an der Fotoausstellung „25 Graphen“ in Kyoto (Japan) gewählt.
Zwischen 1997 und 1998 realisiert Gorka de Duo ein interessantes journalistisches Experiment als Art Director der Zeitschrift „Ajoblanco“: Vermeintliche soziale Randfiguren, die dem journalistischen Fokus bislang entwischten, wurden von ihm aufgesucht und bekamen die Möglichkeit, sich zu artikulieren und zu einem jungen Publikum zu sprechen, das, auf der Suche nach tauglichen Rollenvorbildern, de Duos Arbeiten regelrecht verschlungen haben.
Von diesem Standpunkt aus gibt er den Anstoß zum „Sonar“, Barcelonas Internationales Festival für elektronische Musik und Multimedia, und fördert die  Entstehung einer eigenen „Rave Culture“.
Vor allem aber auch zur Wiederentdeckung des genialen Schriftstellers und tragischen Kulturtheoretikers Leopoldo Maria Panero.
Ankommen im 21. Jahrhundert: Neue Wahlheimat Berlin
Seit 1998 lebt und arbeitet Gorka de Duo in Berlin. Diese neue Etappe charakterisiert sich durch den Einsatz digitaler Medien, des Videos und der Performance, ohne auf die analoge Fotografie zu verzichten.
Wieder ist das Thema der Transformation und Veränderung zentral, doch diesmal nicht aus dem Bedürfnis sich von seinen Zwängen zu befreien sondern an den Ort zu kommen, der aus künstlerischer Perspektive die einzige Oase der Freiheit weltweit ist und bis heute geblieben ist: Berlin -  mit einer durch eine Mauer geprägte aber auch gebrochene Identität, durch die Hauptstadtolle teils herausgeforderte, teils überforderte einzigartig junge Stadt, in der von jeder Häuserwand ungezügelte Anarchie und hedonistische Zügellosigkeit ausgestrahlt werden wie aber auch am jeder Ecke die lange Geschichte dieser Stadt deutlich wird.
Das ist der Ort an dem der Künstler Gorka de Duo neue Dimensionen künstlerischen Experimentierens umsetzen kann. Hierbei stechen folgende Arbeiten hervor, bei denen er in dem sich stetig verändernden Berlin neue Ausstellungsorte erforscht: die in der Humboldt Universität 1998 zusammen mit Wolf Dieckmann durchgeführte Performance „AMOKratie“, wo der Künstler zum erstmalig Videoelemente im Kontext einer Performance benutzt, sowie das Happening „El Salón de Adoración de la Muerte“ (Der Salon der Todesanbetung) – einer Videoinstallation mit Foto-Skulpturen. Das Leben und die Kunst feiern dabei ein Ritual, dessen Kernstück die flüchtige Begegnung bildet.



In diesem experimentellen Kontext sind weitere Arbeiten zu erwähnen, wie das Video-Happening „Reclaim the Streets“ (Galerie Radio Berlin, 2001) oder die Video-Performance „Elektronische Fehlgeburt“ (ACUD Theater, Walden Galerie, 2003-2004), in der der Künstler  vorgefundene historische Dokumente nutzt um diese in seinen eigenen persönlichen Diskurs zu integrieren. Es handelt sich um eine konzeptuelle Collage, in der sich Science-Fiction-Ikonographie mit  schamanistischem Ritual und der konkreten, visuellen Poesie des Lettrismus mischen.
2007 nimmt Gorka de Duo zusammen mit Klaus Ferentschik (Regent im Collège für Pataphysik), A. Zettelmann und Rainer Wieczorek, an dem Projekt „PATAPANOPTIKUM – Requiem für Alfred Jarry“ teil, bei dem das ACUD Theater zu einem „Labor der Pataphysik“ wird. Mechanisches Theater, Licht- und Schattenspiel, Alchemie und Pyrotechnik, kinetische Objekte und Installationen, raumgreifende Malerei und minimalistische Interventionen: Elemente und Themenvariationen, die ihre formalistischen Vorläufer im elektronischen Clubkontext haben, entwickeln sich hier zu einem sich permanent verändernden Gesamtkunstwerk.
Im Rahmen des Projektes präsentiert er eine fotografische Installation aus der Serie „fATA MORgANA“ und die Video-Performance „Elemente der Pataphysik ohne Titel“ – Bühnencollage und Work in Progress in einem, inspiriert von Alfred Jarry – dem Gründer und geistigen Vater dieses absurdistischen Philosophie- und Wissenschaftskonzepts der Pataphysik.
Der Künstler Gorka de Duo entwickelt seine künstlerische Konzeption soweit aus, dass sich die parallel hierzu stattfindende technische Fortentwicklung des World Wide Web zu einer Schnittmenge, einem Interface, in dem sich wandelnde, aufeinander abgestimmt Darstellungsmöglichkeiten, sich ergänzen.




Die durch das Internet ins kollektive Bewusstsein entstehende Neudefinition von Realzeit und des virtuellen Raumes; die epochenübergreifende Austausch und Präsentationsmöglichkeiten; die oszillierende Grenze zwischen Fiktion und Realität – all jenes ist auch Bestandteil des Werkes von Gorka de Duo.
Bald jähren sich 40 Jahre unermüdlichen und kreativen Outputs dieses Künstlers. Phänomenalerweise sind große Teile des Werkverzeichnisses dieser 40 Jahre steten Arbeitstätigkeit unsichtbar:
Auch hier haben sich die theoretische Konzeption und der reale Zustand zu einer Interface im Universum de Duos zusammengefunden – eine Unzahl von kulturhistorisch relevanten Fotodokumenten und eingefangene Zustandsbeschreibungen lagern bis heute unveröffentlicht im privaten Archiv des Künstlers.
So aus der heutigen Sicht kostbare Zeitzeugnisse, wie zum Beispiel die Fotoreihen „I SHOOT ANDY WARHOL TOO“, „Los Ángeles caídos Madrid móvida“ (Die gefallenen Engel – die Móvida in Madrid), Bilder in denen es von post-franquistischen, spanischen Pop- und Avantgarde Ikonen nur so wimmelt, oder die Dokumentation der Serie „Impermanencia“ (Unbeständigkeit). Andere, noch nicht vollendete Werke Gorka de Duos, die auf der Webseite zu sehen sind, sind „Berlin Flâneur“ sowie „fATA MORgANA“, welche uns seine neue und eigene Zeit näher bringt - eine Kombination aus Vergangenheit und Zukunft, gestaltet in der Gegenwart.
Ein Burning Man, im Sinne einer lodernden Leidenschaft für sein Werk, im Sinne auch des steten Verbrennens von ausgedienten Spuren, im Sinne der steten Konsequenz sich und seine Arbeit als Medium zu betrachten, das systemkritische und systemstiftende Aussagen ausleuchtet.
Und dabei unsichtbar bleibt. Dieses Absurdum ist bezeichnend für den Künstler.
Kunst gerät zur Realität, Realität wird Kunst, wird visualisierte Poesie, eine Manifestation für die Freiheit der reflektierenden Urteils- und der strahlenden Vorstellungskraft.


 Wayra Schübel


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